Das Projekt: RADIO POLY

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Sich selbst in Szene setzen – ohne dabei sichtbar zu sein! Nicht ein Widerspruch? Dass es geht, davon konnte ich mich selbst überzeugen, als ich die SchülerInnen der RadioPoly-Gruppe vor kurzem traf und ihnen bei der Arbeit über die Schultern schauen durfte. Beachtlich war die Diskutierfreude der aufgeweckten Radiogruppe – alle Ideen und Gedanken konnten so frei gesammelt und ausgetauscht werden. Sobald es ans Lesen in verteilten Rollen ging, gehörte die Aufmerksamkeit allein den Vortragenden. Es konnte losgehen!

 

 

Aber wie erzeugt man eigentlich Aufmerksamkeit lediglich durch die Anwendung der eigenen Stimme? Und wie verschafft man sich überhaupt Gehör in einem Zeitalter, in dem alle Arten von Medien Informationen immer schneller an uns herantragen? Verlernen wir angesichts eines Überangebots an audiovisuellen Reizen vielleicht eine der wichtigsten Kulturtechniken überhaupt: das Hinhören und Zuhören?

 

Dass Radioarbeit genau an dieser Stelle ansetzt und dabei Wissensvermittlung und komplexes Sprachverständnis auf eine Art kombiniert, die sogar Spaß macht, zeigen die Erfahrungen des Projektes RadioPoly, das seit dem Schuljahr 2010/11 an der Polytechnischen Schule (PTS) Wien 3 durchgeführt wird. Dieses Projekt möchte längerfristig und nachhaltig SchülerInnen und LehrerInnen der PTS für das Medium Radio gewinnen – nicht nur, um die Gestaltungsmöglichkeiten kennenzulernen, sondern vor allem, um dieses Medium als Werkzeug der Kommunikation für ihre spezifischen Anliegen zu nutzen.

 

Was genau wird bei RadioPoly gemacht?

 

 

Mit Unterstützung des Medienpädagogen Florian Danhel (Medienzentrum Wien) und der Lehrerin Gabriele Pranieß leitet Helmut Hostnig das Projekt, bei dem die Schülerinnen und Schüler auf freiwilliger Basis teilnehmen. Aufgezeichnet werden die Sendungen im Medienzentrum Wien, dem Kooperationspartner des Projektes.

 

Der Umgang mit „alten“ und „neuen“ Kulturtechniken

Helmut Hostnig ist davon überzeugt, dass die Jugendlichen trotz oder gerade dank ihrer bereits vorhandenen Medienkompetenz noch vieles Entscheidende dazulernen. „Jugendliche sind meistens kompetenter in den neuen Kulturtechniken. Sie sind geübter in der feinmotorischen Augen-Hand- Synchronisation im Umgang mit dem Computer und kennen sich auch schnell mit den vielfältigen Funktionen von Audioschnittprogrammen aus. Was sie aber nicht können und was sie erst lernen müssen, sind die verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten, die professioneller Radioarbeit zugrunde liegen. Dazu zählen die dramaturgischen Regeln, die bei den unterschiedlichen Genres eine Rolle spielen und das ästhetische Einmaleins, wie ich es nennen will. Diese Kenntnisse erwerben sie nachhaltig im Tun, bei der praktischen Auseinandersetzung. Durch kleine trial- and error-Übungen lernen sie Grundlegendes, wie z.B. das Zusammenschneiden von Umfrageinterviews oder das Aufbereiten und Umgestalten eines Textes in szenische und fürs Hören übersetzte Abfolgen.“

 

Der Einbezug von social media

Eingebettet sind die Radiosendungen in ein umfangreiches Weblog, das nicht nur die laufende Arbeit dokumentiert, sondern auch viele hilfreiche Links bereithält. Über den Blog können sich die SchülerInnen über ihre Arbeit und über mögliche Themen austauschen und über das reflektieren, was sie tun. Audiobeiträge können online gestellt werden, Skills geübt, aber auch Gefahren aufgezeigt werden, die beim Auftreten im virtuellen Raum lauern. Außerdem werden besonders SchülerInnen mit Schreibhemmung angeregt, Vertrauen in selbstverfasste Texte zu entwickeln. Dass viele dieser Texte nicht nur vor sprachlichem Gespür strotzen, sondern auch sehr persönliche Gedanken offenbaren, zeigt der Blog zweifelsohne.

 

 

Themenfindung

Die Themen für die 30-minütigen Sendungen werden entweder von den aus ihrer Lebenswelt schöpfenden SchülerInnen vorgeschlagen oder kommen von Helmut Hostnig. Der passionierte Radiomacher, früher selbst als Lehrer tätig gewesen, sagt, dass die SchülerInnen die regelmäßigen RadioPoly-Termine auch nutzen, um private Angelegenheiten in der Gruppe zu besprechen. „Die oft sehr persönlichen Erfahrungen werden in die Sprache des Mediums übersetzt, die Inhalte dramatisiert und neu erzählt“, so Hostnig. Auf diese Weise kann aus einem Satz „Mobbing? Das habe ich auf einem Sommerlager erlebt!“ eine Sendung entstehen. Ohne Scheu berichtet Laura von ihrer Erfahrung auch im Weblog:

 

„Ich wurde selbst schon mal gemobbt. (…) Ich wurde anfänglich als Lügnerin hingestellt und es wurden hinter meinem Rücken falsche Behauptungen über mich verbreitet und es ist immer schlimmer geworden! (…) Ich habe mich nach dieser Zeit sehr verändert und habe mich sehr zurückgezogen. Ich fand früher sehr leicht Freunde und hatte Spaß daran, in der Öffentlichkeit lustig zu sein, aber danach hab ich immer mehr darüber nachgedacht, was andere über mich denken. Erst seit ich ins Poly gehe, ist das eigentlich wieder da, aber meine neuen Freunde haben mir wieder gezeigt, dass es völlig egal ist, was andere über mich denken. Die komplette Radiogruppe hat mir das wieder gezeigt und dafür möchte ich allen sehr danken.“


Dass bei den aufkommenden Themen ganze Sendungen erarbeitet werden können, hat gleich mehrere positive Nebeneffekte: Gruppendynamisch lernen die SchülerInnen, sich ihren MitschülerInnen anzuvertrauen, sich selbst Gehör zu verschaffen und auch Konflikte innerhalb der Gruppe konstruktiv anzugehen – und ganz „nebenbei“ wird Radio gemacht: im Internet wird zu den Themen recherchiert, es werden Moderationstexte verfasst, Rollen verteilt, Atemtechnik und Stimmbildung und vor allem die Aussprache trainiert.

 

„Und schon sind wir mitten drin im Radiomachen. Ein Prozess, bei welchem ich in einen Jungbrunnen tauche und von den Jugendlichen ebenso viel lerne, wie sie vielleicht von dem, was ich nur lenken, in das ich aber höchst selten eingreifen will“, so Helmut Hostnigs Überzeugung.


 

Das Potenzial der eigenen Stimme

Was wir mit der Stimme, unserem Werkzeug fürs Radiomachen, alles anstellen können, hat Zegi mit einem Posting im Weblog zusammengefasst: „Mit der Stimme kann ich Gefühle ausdrücken. Jemand, der mich kennt, weiß ganz genau, wie ich drauf bin, wenn ich den Mund aufmache. Er erkennt es an der Stimme.“


Gefragt, was ihm beim Radiomachen besonders wichtig sei, antwortet Helmut Hostnig so: „Es geht um Dramatisierung von Geschichten mit medienspezifischen Mitteln. Das macht nicht nur großen Spaß, sondern wir lernen ohne es zu wissen. Doch falls uns bewusst werden sollte, dass wir lernen, tun wir es aus eigenem Antrieb, weil wir z. B. mehr über Mobbing, seine Ursachen, seine Folgen und mehr über Strategien erfahren wollen, wie Mobbing im System verhindert oder wie damit umgegangen werden kann. Steht das im Lehrplan? Nein. Oder vielleicht doch? Wird nicht auch soziale Kompetenz als Bildungsauftrag von uns PädagogInnen eingefordert? Ist Medienbildung vielleicht auch Persönlichkeitsbildung? Selbstverständlich. Wer immer sich auf ein Medienprojekt eingelassen hat, wird bestätigen, dass es auch gruppendynamische Prozesse in Gang setzt, die emotionales Lernen möglich machen oder soziale Kompetenz vermitteln.“

 

Gelebte Interkulturalität

In verteilten Rollen wird gesprochen, gesungen, gerappt – und das gleich in mehreren Sprachen. Von den derzeit zwölf teilnehmenden Schülerinnen und Schülern haben neun Migrationshintergrund. Es wird Farsi, Guarani, Tagalog, Lingala, Serbokroatisch und Französisch gesprochen. Dass dieser Umstand positiv gelebte Interkulturalität fördert, hat auch Hostnig festgestellt. Aber noch immer wird das sprachliche Potenzial von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Schulunterricht nicht ausgeschöpft.

 

„Zwei- und Mehrsprachigkeit, besonders osteuropäische Sprachkompetenz, und die durch sie bedingte kulturelle Vielfalt, welche die Kinder mit Migrationshintergrund als Erbe ihrer Herkunft mitbringen, wird selten für den Unterricht genutzt. Osteuropäische Sprachen werden in der Schule nicht nur nicht geschätzt, sie werden im besten Falle einfach ignoriert“, so der Projektleiter.

 

 

Der Erwerb von Schlüsselkompetenzen

Was Helmut Hostnig bei seinen Radio-SchülerInnen immer wieder beobachtet, ist die Tatsache, dass ihnen die praktische Medienarbeit hilft, nachhaltige Schlüsselkompetenzen herauszubilden: „Wer hätte für möglich gehalten, dass es unendlich Spaß macht und obendrein die in einem jeden schlummernden Talente weckt, darüber hinaus auch den spielerischen Erwerb von Kompetenzen ermöglicht, die im zukünftigen Berufsleben wichtig sind.“ Diese führen nicht nur zu einem gesteigerten Selbstbewusstsein, sondern gelten auch für den Arbeitsmarkt als unerlässlich. Die Schlüsselkompetenzen, die SchülerInnen durchs Radiomachen gewinnen können, zählt er auf:

 

· Teamfähigkeit

· Kreativität

· Selbstvertrauen

· konfliktlösendes Verhalten

· Verantwortungsbewusstsein

· Durchsetzungsvermögen

· Fantasie

· Beziehungsfähigkeit

· soziale und emotionale Intelligenz

 

Dass tatsächlich alle SchülerInnen, die im Schuljahr 2010/11 bei RadioPoly mitgearbeitet haben, nach dem Abschluss ihrer einjährigen Ausbildung an der PTS eine Lehrstelle bekamen oder in weiterbildenden höheren Schulen Aufnahme gefunden haben, lag vielleicht nicht zuletzt an den positiven Erfahrungen, die sie durch RadioPoly auf gemeinschaftlicher und individueller Ebene gemacht haben. Im Team haben sie gelernt, gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten und sich dabei mit den eigenen Kompetenzen einzubringen.

 

Für mich hat der Besuch im Medienzentrum wieder einmal gezeigt, dass die praktische Arbeit mit Medien Kanäle öffnet, die sonst wohl eher verschlossen bleiben.

 

 

PROJECT FACTS:

– RadioPoly ist ein Pilotprojekt des Polytechnikums (PTS 3), initiiert und unterstützt von der Medienabteilung des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK) in Kooperation mit dem wienXtra-Medienzentrum. Projektleitung: Helmut Hostnig. Projektbetreuung: Gabriele Pranieß, Florian Danhel.

– Die Projektgruppe trifft sich einmal in der Woche in den Räumlichkeiten des Wiener Medienzentrums;  drei Stunden sind für diese Termine angesetzt. Im Schuljahr 2010/11 sind 13 Sendungen (à 30 Minuten) entstanden.

– Wichtiger Bestandteil des Projektes ist das Kennenlernen von Personen und Institutionen, die Lebenswelten außerhalb des Schulalltags repräsentieren. So war beispielsweise bereits ein Opernsänger zu Gast im Tonstudio, an einem anderen Tag besuchten die SchülerInnen ein Schulzentrum für Gehörlose und Hörbeeinträchtigte und interviewten eine Dolmetscherin für Gehörlose. Demnächst wird ein Stimmenimitator zu Gast sein.

– Die Mitglieder der letzten RadioPoly-Gruppe haben sich auf Facebook vernetzt und eine „Wir lieben Radiopoly“-Gruppe gegründet, um auch nach der Schule in Kontakt zu bleiben.

 

TECHNISCHE FACTS:

– Das Schnittprogramm, mit dem die Sendungen bearbeitet werden, nennt sich „Audacity“. Wichtig sind „Verteiler“ für Kopfhörer, sodass 2-3 Leute an einem PC schneiden können. Für die Erzeugung von Sounds wird das Programm „Reason“ verwendet.

– Die Aufnahmegeräte heißen „Marantz PMD 661“. Meist werden externe Mikros („AKG C1000“) verwendet, z.B. bei Straßen- oder Schulinterviews.

– Für die Aufnahmen in der Gruppe wird ein Kreis gebildet.  3-4 Mikros werden an Stativen aufgestellt; die Mikros sind an ein Mischpult angeschlossen, das mit einem Computer verbunden ist; die Aufnahmen werden am Computer vorgenommen.

 

Wichtige Links zu RadioPoly:

–       Der Blog von RadioPoly: http://radiopoly.wordpress.com/

–       Alle Sendungen von RadioPoly – auch zum Downloaden: http://cba.fro.at/series/1220

–       „Freufach Radio“: Helmut Hostnigs Artikel über seine Erfahrungen als Projektleiter von RadioPoly, erschienen auf medienimpulse: http://www.medienimpulse.at/articles/view/305

 

 

Und hier noch eine Kostprobe aus der Themensendung zu Mobbing (erschienen im Weblog von RadioPoly):

Stopp Mobbing

to mob mob mob to mob

mobbingtäter

spotten, sticheln, schikanieren

hetzen, höhnen, provozieren

mobbingopfer

happyslapping

cybermobbing

mobbingtäter

spotten, sticheln, schikanieren

hetzen, höhnen, provozieren

verleumden mich

und schüchtern ein

verspotten und verhöhnen dich

denn jeder kann

zum Opfer werden

jeder kann

ein Opfer sein

mob mob to mob mob

stopp stopp stopp den mob

stoppt die mobbingtäter

sie sind nicht cool

sie sind verräter

verraten und verkaufen dich

höhnen, hetzen, provozieren

sticheln, spotten, schikanieren

wetzen ständig ihre Messer

und wenn du winselst

umso besser

hetzen eine ganze Meute

gegen mich

und ihre Beute

sind die Tränen

die ich wein

heimlich

bis ich nicht mehr kann

und dann …

will’s keiner nicht gewesen sein

jeder kann

zum Opfer werden

jeder kann

ein Opfer sein

mob mob to mob mob

stopp stopp stopp den mob

stopp mobbing!!!!

 

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